Halloween 2022

Auf schwarzem Hintergrund sieht man rechts die Silhouette eines von Fledermäusen umschwärmten Schlosses vor dem Vollmond. Links hängt ein graues Spinnweb, und davor steht in orange "Happy Halloween" und "Kurzgeschichte", eingefasst von zwei ebenfalls orangenen Strichen

 

Merkt ihr, wie ich diesem Post klammheimlich einen 0815-Namen verpasst habe, damit ich mir für die Halloweengeschichte keinen Titel ausdenken muss? Ich bin nämlich wirklich nicht gut in Titeln. Wie dem auch sei, ich wünsche euch ein fröhliches Halloween und präsentiere hiermit, unlektoriert und nur leicht überarbeitet, meine Halloweengeschichte für 2022.

CN: Tote Verwandte, Spinnen, Essen

 

Es heißt, alle alten Häuser würden den einen oder anderen Geist verbergen. Dass Häuser, in denen mehrere Generationen gelebt haben und gestorben sind, irgendwann auch einen Menschen in sich hatten, der das Leben nicht völlig loslassen konnte.

Carina glaubte das natürlich nicht. Und so machte es ihr auch nichts aus, ausgerechnet heute, an Halloween, in das kleine, leerstehende Haus zu ziehen, dass ihr Großonkel ihr vererbt hatte.

Viele Jahre hatte die Familie selbst es bewohnt, doch nachdem mehr und mehr Menschen und damit auch Jobs in die Stadt gezogen waren, hatte man es nur noch vermietet. An alte Leute, die das Dorf nicht mehr verlassen wollten, aber ihr eigenes Haus zu groß oder teuer fanden, an junge Familien, die hofften, auch auf dem Land eine Zukunft zu haben und nur in die Stadt pendeln oder direkt hier ein Geschäft eröffnen zu können – bis sie feststellten, dass für die Kinder ein Ort mit Kino oder weiterführender Schule doch schöner war.

Menschen waren in diesem Haus gekommen und gegangen, auf die eine oder andere Art.

Und dann waren sie nicht mehr gekommen, weil Großonkel Hubert zu alt geworden war, die lange Reise aus der Großstadt anzutreten, um ein guter Vermieter zu sein und das Haus instand zu halten.

Dann war er auch noch gestorben und Carina hatte neben dem Studium nicht die Zeit gefunden, sich ihr Erbe anzusehen und zu entscheiden, was sie damit machen wollte.

Und dann war ihr Studium zu Ende und sie musste aus dem Wohnheim ausziehen. Ohne eigene Möbel, ohne wirklich Geld zu haben, und zu ihren Eltern zurück konnte und wollte sie auch nicht. Ihr Vater und ihr Stiefvater waren gerade erst in der Flitterwochenphase, auch nach vier Jahren Beziehung, und so gern sie die beiden auch mochte, das wollte sie nicht tagtäglich um sich herum erleben. Zumal die Wände zuhause schlecht gedämmt waren.

Also ging es aufs Land. In ihr eigenes Haus, von dem sie wusste, dass es auch möbliert vermietet worden war und wohl niemand die Möbel je ausgeräumt hatte. Eine Sorge und ein Kostenfaktor weniger.

Angeblich hatte es sogar Glasfaser, weil die Gemeinde überall Anschlüsse hatte verlegen lassen, in einem verzweifelten Versuch, die wenigen jungen Leute zu halten, die hier noch lebten.

So würde Carina hoffentlich die Zeit überbrücken können, bis sie einen festen Job fand – und vielleicht wieder wegziehen konnte. Schon im Studium hatte sie immerhin übers Internet gejobbt. Facebookseiten-Moderatorin für diese Firma, Kund*innensupport für jene, … viel war nicht dabei rumgekommen, aber immerhin genug, um ihr kleines Wohnheimzimmer und die Grundsteuer für ihr Erbe zu bezahlen. Sicherlich würde sie sich auch weiter damit über Wasser halten können, ohne sich arbeitslos melden zu müssen. Hoffte sie.

Aber heute hatte sie erst einmal andere Sorgen. Heute musste sie erst einmal ihre paar Kisten an Habseligkeiten aus ihrem klapprigen Wagen ins Haus bringen, und hoffen, dass Strom, Wasser und Internet wirklich noch gingen – immerhin hatte sie dafür bezahlt, dass nicht davon abgestellt wurde.

Sie parkte den Wagen in der schmalen Einfahrt und schaute zum Haus hinauf. Dunkle, geschlossene Fensterläden verhinderten, dass sie schon hier einen Blick ins Innere werfen konnte. Und auch die Fassade, auf der sich in den Jahren das Moos eingenistet hatte, wirkte nicht wirklich einladend. Aber immerhin sah das Gebäude auch nicht so aus, als würde es über ihr zusammenbrechen, wenn sie es nur wagte, die Haustür aufzuschließen.

Carina stieg aus, öffnete den Kofferraum und dann die Haustür, damit sie gleich die Kartons einfach ins Haus tragen konnte. Doch als sie wieder beim Auto angekommen war, hörte sie, wie die Tür wieder ins Schloss fiel.

Sie rollte mit den Augen. Hatte jemand beim Auszug etwa ein Fenster offen gelassen und das wegen der geschlossenen Fensterläden gar nicht bemerkt?

Also ging sie zum Haus zurück und klemmte diesmal extra das erstbeste Objekt unter die Türkante, das sie finden konnte: Einen alten, schweren Schuhanzieher, den wohl irgendwelche längst ausgezogenen Mieter*innen hier vergessen hatten. Oder gehörte er zum Inventar, das mitvermietet worden war?

Carina ruckelte noch einmal extra daran, aber Tür und Schuhanzieher saßen fest und sollten halten. Also ging sie erneut zum Auto. 

Wumms. Die Tür war wieder zu. Dabei hatte sie keine Windböe bemerkt. Lebte da drin etwa eine Katze oder ein anderes Tier, das stark genug war, die Tür trotz Blockade zu schließen? Aber wie sollte es dort reingekommen sein und überlebt haben?

Diesmal nahm sie doch schon einen Karton mit zur Tür, stemmte ihn dann dagegen, gesichert mit einem Knie, und schloss erneut auf und …runzelte die Stirn. Der Schuhanzieher war wieder dort, wo sie ihn eben gerade gefunden hatte.

Na gut, dann setzte sie eben den Karton ab und hielt damit die Tür offen. Und tatsächlich, diesmal klappte es, dass sie alle weiteren Kisten ins Haus tragen konnte.

Eine Stunde später hatte sie die Fensterläden geöffnet – und schnell wieder geschlossen, da dunkle Wolken aufgezogen waren. Ganz abgesehen davon, dass die Fenster so dreckig waren, dass sie eh kaum durchschauen konnte und gerade nun wirklich genug zu tun hatte, um nicht noch Fenster putzen zu wollen. Aber zum Glück funktionierte der Strom wirklich, und sämtliche Lampen, von Großonkel Hubert noch mit stromsparenden LEDs ausgestattet, hatten die Zeit seit der letzten Vermietung gut überstanden.

Das Haus war ansonsten nicht im besten Zustand. Die Möbel waren ziemlich abgenutzt, wenn auch nicht kaputt, und die Einzigen, die sich hier wohl in letzter Zeit wohlgefühlt hatten, waren die Spinnen. Aber Carina hatte damals, auf der Suche nach Studierendenwohnungen, teilweise deutlich Schlimmeres gesehen. Mit ein bisschen Muskelkraft und Ausdauer würde sie hier wohl ganz gut leben können. Und das Problem, dass sie ständig vergaß, wo sie ihre Sachen hingetan hatte, würde sich sicher auch legen, wenn sie sich hier erst eingelebt hatte. Jetzt musste sie nur noch die Schüssel mit den Süßigkeiten füllen, dann war sie auch bereit für ihren ersten Abend im neuen Heim – und die zu Halloween klingelnden Kinder der Nachbarschaft.

Und wenn sie jetzt noch die Fernbedienung ihres Streamingsticks finden würde, könnte sie auch so lange auf dem Sofa entspannen. Carina war sich sicher, dass sie die das Ding gerade eben erst auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte… 

Die Fernbedienung tauchte nicht mehr auf und Carina musste sich mit dem zufriedengeben, was live im Fernbedienung lief. Und je später der Abend wurde, desto sicherer war sie sich, dass die Nachbar*innen nicht kommen würden. Vielleicht reichte die eingeschaltete Beleuchtung an der Haustür nicht, um den Leuten zu zeigen, dass dieses Haus nicht mehr leerstand?

“Was mach ich jetzt mit den ganzen Süßigkeiten?” Carina schaute zur Schüssel, die noch immer sehr voll war, obwohl sie selbst sich in den letzten Stunden großzügig daran bedient hatte. Dann stöhnte sie laut auf, denn schon wieder fehlte etwas. “Und wo zum Teufel ist jetzt mein Handy?” Diesmal war sie sich absolut sicher, dass sie es eben gerade vor sich auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte. Sie war seitdem nicht mehr aufgestanden. Dennoch lag es nicht auf dem Tisch, nicht neben ihr auf dem Sofa, nicht auf dem Boden. Sie saß auch nicht darauf – auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie das überhaupt hätte möglich sein sollen. Physik war manchmal halt seltsam. “Ach komm schon, Handy. Das kann jetzt nicht dein Ernst sein. Komm wieder her.” Klar, als ob das helfen würde. Aber es half, um ihrem Frust etwas Luft zu machen.

“Nur, wenn ich auch was Süßes kriege”, antwortete eine Stimme. “Ich hatte schon über 80 Jahre nichts mehr.”

Hatte ihr Handy aus Versehen jemanden angerufen? Dabei hatte Carina extra eingestellt, dass man immer erst die Pin brauchte, um aus dem Standby zu kommen, auch wenn das Handy nur ein paar Sekunden geruht hatte. “Klar, ich hab ja genug übrig”, meinte sie zögerlich. Vielleicht hatte sich ja auch irgendwie der Sprachassistent eingeschaltet? Andererseits, der sollte nicht so programmiert sein, dass er behauptete, schon über 80 Jahre alt zu sein, oder?

“Dann verbrenn einen der Schokoriegel.”

“Was?!”

“Na, was glaubst du, wie ein Geist sonst Süßigkeiten essen können soll? Er muss erst in die Zwischenwelt geschickt werden.” 

Carina blinzelte einen Moment. “Klar, ein Geist. Logisch.” Sie lachte auf. Hatte sich also doch ein Nachbarskind hierher verirrt und wollte ihr einen Streich spielen. Sie sollte wirklich schauen, ob auch alle Fenster und Türen richtig verriegelt waren. Aber für den Moment spielte sie mit. Sie holte einen von Großonkel Huberts alten Metalltellern, den er mit Deckchen genutzt hatte, um Kuchen zu servieren. Dann packte sie einen Schokoriegel darauf, zündete ihn an und schaute dabei zu, wie die Schokolade schmolz und langsam verbrannte. Wirklich langsam, zumindest im Vergleich zu den Dingen, die mensch normalerweise brennen sah, wie Grillkohle oder Papier.

Dann aber war es geschafft und … ein durchsichtiger Arm griff in den Haufen Asche und holte sich einen durchsichtigen Schokoriegel daraus hervor.

Und kurz darauf stand ein ganzer, durchsichtiger Mensch vor Carina und biss herzhaft in das Geisteräquivalent von einem Erdnuss-Karamell-Schokoriegel, kaute genüsslich und grinste. Erst als der Riegel verschwunden war und Carina immer noch zu geschockt war, um auch nur ein Wort zu sagen, sprach der Geist weiter: “Schätze, du bist ganz okay. Du darfst bleiben. Und wenn du mir noch einen Riegel gibst, verrate ich dir sogar, wo ich dein Handy versteckt habe. Und die Fernbedienung. Und vielleicht dein Portemonnaie.”

Ihr Portemonnaie war auch verschwunden?! 

Es heißt, alle alten Häuser würden den einen oder anderen Geist verbergen. Dass Häuser, in denen mehrere Generationen gelebt haben und gestorben sind, irgendwann auch einen Menschen in sich hatten, der das Leben nicht völlig loslassen konnte.

Carina glaubte das natürlich nicht, Carina wusste, dass das stimmt. Aber sie wusste auch, dass Geister gar nicht so schlimm waren – zumindest, wenn man ihnen ab und an etwas von den Süßigkeiten abgab.

 


Falls die Geschichte euch so gut gefallen haben sollte, dass ihr mir jetzt unbedingt dafür einen Kaffee ausgeben wollt, schaut hier vorbei. Falls nicht, gar kein Problem. Ich hoffe einfach nur, sie hat euch nicht nicht gefallen 🙂

Happy Halloween

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