[Kurzgeschichte] Im Spiegel

Ein schwarzer Hintergrund mit durchscheinendem orangenen Spinnweb links, und einer weißen Skeletthand rechts. In der Mitte steht groß 'Im Spiegel', darüber Kurzgeschichte. Unten steht klein 'Happy Halloween', direkt darunter eine durchscheinende Anreihung von freundlichen Totenschädeln und Knochen, die parallel zum Schriftzug verlaufen.

Zugegeben, ich bin einen Tag zu früh dran. Aber da morgen der Monatsrückblick ansteht, und zudem vielleicht morgen auch einfach weniger Leute online sind, dachte ich mir, ich poste meine Halloweengeschichte jetzt schon. Sie ist – wie immer auf dieser Seite – nicht durch Korrektorat oder Lektorat gegangen und relativ spontan innerhalb von zwei Stunden entstanden. Ich hoffe, sie gefällt euch dennoch – oder gerade deswegen? Wie dem auch sei, Happy Halloween, fröhliches Samhain und eine schöne Nacht des durchlässigen Schleiers.

Content Notes: Tod, Überreste von Toten, Dunkelheit, (bereits) tote Tiere, Skelette

„Hier gibt es nicht nur Wollmäuse, sie werden sogar schon von Wollkatzen gejagt“, jammerte Becca. Sie mochte es ja eigentlich, wenn ihre Mutter sie mitnahm. Nur warum war in Wohnungen oder Häusern, in denen keiner mehr lebte, immer so viel Staub?  

Ihre Mutter machte Entrümpelungen. Nicht wirklich beruflich, zumindest nicht so, wie die meisten Firmen. Nein, wo Firmen einen festen Preis für die Entrümpelung nahmen, und der Erlös der Dinge, die noch verkauft werden konnten, hinterher den Erben zugute kam, kaufte Mama gleich ungesehen den ganzen Inhalt einer zu entrümpelnden Wohnung oder eines Hauses. Oft hatten die Erben, wenn es welche gab, dann schon die wertvollsten Stücke mitgenommen, aber das war Beccas Mutter recht. Sie wollte Leute ja nicht übers Ohr hauen. Sie war mehr an den versteckten Schätzen interessiert. Möbel, die kaputt waren, die sie aber wieder upcyclen konnte. Oder alte Kleider, die schon ausgeblichen waren, und denen sie mit etwas Geschick, Farbe und hier und da einem guten Schnitt ein neues Leben schenken konnte. Oft fanden sich auch Bücher, die längst nicht mehr gedruckt wurden, und für die Sammler*innen zwar kein Vermögen, aber doch ein paar Euro zu zahlen bereit waren.  

All das brachte Mama dann mit ihrem LKW nach hause. Sie lebte mit Becca, Oma und Opa auf einem alten Bauernhof und hatte den alten Rinderstall zu einem Laden umgebaut – eigentlich hatte sie die Scheune dafür nutzen wollen, aber die vermieteten Oma und Opa lieber für Hochzeiten und andere Feste. 

„Keiner zwingt dich dazu, mitzukommen, Mäuschen“, flötete ihre Mutter gut gelaunt und zog einen kleinen Beistelltisch aus dem Gerümpel. Er war in der Mitte zerbrochen, hatte aber wunderschön gedrechselte Beine. Becca wusste jetzt schon, dass Mama die bunt anmalen und für eine neue Tischplatte verwenden würde. Und die gebrochene Tischplatte? Na, die eignete sich mindestens noch als Feuerholz.  

„Und auf meine Provision verzichten?“ Das war einer der Gründe, warum Becca mitkam. Wenn sie etwas besonders wertvolles fand, durfte sie die Hälfte des Erlöses behalten. Und alles, was sie für sich haben wollte, gehörte auch ihr – wenn sie es zuerst fand. So hatte sie noch nie in ein Möbelhaus gemusst, wenn sie ihr Zimmer mal wieder umgestaltet wollte.  

Ihre Mutter grinste sie an. Dann zwinkerte sie Becca verschwörerisch zu. “Hier gibt es auch noch einen Dachboden, der gehört auch mit zum Deal. Was ist, traust du dich da schon mal alleine hin?” 

Normalerweise wäre das gar kein Problem gewesen. Aber hier war schon vor ein paar Wochen der Strom abgestellt worden und jetzt, im Herbst, wurde es so früh dunkel. Das Wohnzimmer, in dem sie sich gerade befanden, war durch den Baustrahler, gut erleuchtet. Ohne den ging Beccas Mutter nirgendwo hin, man konnte ja nie wissen. Aber wenn Becca alleine auf den Dachboden sollte, hatte sie nur ihre Taschenlampe und das klägliche Licht, das noch von draußen reinkam. Sie blickte zum großen Wohnzimmerfenster und korrigierte sich gedanklich. Da draußen war schon kein Licht mehr. Und heute war auch noch Neumond. 

Dennoch hatte sie in den Jahren, in denen ihre Mutter schon Schatzsucherin in fremden Hinterlassenschaften spielte, gelernt, dass auf dem Dachboden oft die tollsten Sachen waren. Dort stellte man Dinge hin, die man eigentlich nicht mehr brauchte, die aber auch zu besonders, zu schön, zu wertvoll waren, um sie wegzuschmeißen. Dinge, die man vielleicht eines Tages auf dem Flohmarkt bringen wollte, oder die man für die Hinterbliebenen aufhob. Wenn man denn welche hatte. 

Was auch immer der Grund der jeweiligen Verstorbenen war: Der Dachboden war die wirkliche Wundertüte eines Hauses. Und deshalb liebte Becca es, als erste auf dem Dachboden zu sein und sich die besten Stücke zu sichern. Dachboden waren die besten Lieferanten für eine Taschengeldaufbesserung und oft auch für eine Erweiterung ihres Bücherregals zuhause. 

Also nahm sie all ihren Mut zusammen, holte ihre Taschenlampe hervor und machte sich auf den Weg zum Dachboden. Doch wo war der? Im ersten Stock des kleinen Hauses angekommen, schaute sich Becca verwirrt um. Das hier sah noch nach einem normalen Stockwerk aus. Das hatte ihre Mutter sicher nicht gemeint. Außerdem sahen die Räume hinter den offenen Türen alle schon ziemlich leer aus, nur hier und da stand noch eine alte Kommode oder ein kaputter Waschtisch. Aber die Treppe endete hier und ging nicht weiter. 

Sie ließ den Strahl ihrer Taschenlampe noch einmal alles anleuchten, was sie vom Flur aus sehen konnte. Dabei sah sie etwas aus dem Augenwinkel, in einer Ecke hinter einem Türrahmen. Da stand eine lange Stange mit einem Haken. Oh nein. 

So etwas kannte Becca schon, hatte es schon mal gesehen, vor vielen Jahren, als ihre Mutter damit angefangen hatte, zu Haushaltsauflösungen zu gehen und nach und nach ihr ‘Geschäft’ zu erweitern. Und tatsächlich, oben in die Decke war eine Luke eingelassen, die man mit der Stange öffnen konnte. Hier gab es genau die eine Art Dachboden, die Becca über alles hasste. 

Dennoch balancierte sie die schwere, unhandliche Stange so, dass sie schließlich, im dritten Versuch, die Luke öffnen und die Leiter, die sich auf der Innenseite befand, herunterziehen konnte. Dann nahm sie die Taschenlampe zwischen ihre Zähne und kletterte. 

Nur nicht nach unten sehen, sagte sich Becca immer wieder. Nur nicht nach unten sehen. Nein, sie hatte keine Höhenangst. Naja, vielleicht ein kleines bisschen. Aber diese knarzenden, dünnen und oft uralten Leitern machten es einem halt auch echt nicht leicht, nicht Angst zu haben. 

Schritt für Schritt kämpfte sie sich weiter voran in die Dunkelheit, die nur von ihrem schwachen Lampenstrahl erhellt wurde. Oder eher erdunkelt, denn im schwachen Licht der Taschenlampe wirkte es, als wären die Schatten überall um sie herum. Dagegen war richtige Dunkelheit, die, in der keine Schatten lauerten, beinahe beruhigend. Aber schließlich war sie oben angekommen und brachte erstmal rückwärts einige Schritte zwischen sich und die offene Luke. Das kleine Geländer drumherum wirkte auch nicht gerade vertrauenserweckend. Und selbst die Bodendielen knarzten bei jedem ihrer Schritte. Sie konnte doch von hier aus nicht etwa in die Etage unter ihr durchbrechen, oder? Aber nein, sowas passierte doch nur in amerikanischen Filmen. In deutschen Häusern gab es doch sicher mehr zwischen zwei Etagen, als nur ein einziges, dünnes Brett, oder? 

Becca schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief durch. Sie spürte bewusst ihren Herzschlag und wartete, bis er sich etwas beruhigt hatte. Dann öffnete sie die Augen wieder. 

Und blickte in das Antlitz eines Skeletts. 

Sie machte einen kleinen Satz nach hinten und strahlte gleichzeitig mit der Taschenlampe in die Richtung, in die sie gerade geblickt hatte. 

Ein goldener Rahmen reflektierte ihren Lichtstrahl. Er sah kunstvoll gearbeitet aus. Vermutlich Holz mit einer goldenen Lackierung, vielleicht sogar mit echtem Blattgold. Aber jetzt war da kein Skelett mehr. Hatte sie sich das nur eingebildet? Becca schüttelte lächelnd den Kopf. Natürlich musste ihr Hirn ihr Streiche spielen, sie hatte es mit ihrer albernen Angst ja geradezu dazu genötigt. 

Langsam ging Becca näher an den Rahmen heran. Falls er wirklich mit Blattgold beklebt war, war er vermutlich alt und möglicherweise wertvoll. Nicht zu vergessen, hübsch. Jetzt erst bemerkte sie, dass darin auch ein alter Spiegel eingefasst war. Staubig und dreckig und deshalb nicht mehr wirklich als Spiegel nutzbar, aber das konnte man doch sicher wieder hinkriegen. Sie zog ein unbenutztes Taschentuch aus ihrer Hosentasche, hauchte auf den Spiegel und versuchte, ob sie ihn nicht zumindest etwas gereinigt bekam. 

Und kreischte. 

Da war das Skelett wieder, direkt vor ihr. Im Spiegel. Im Spiegel? 

Becca griff sich an die Nase und erwartete fast, dass das Skelett ihr die Bewegung nachmachte. Dass sie selbst das Skelett war und es noch nicht bemerkt hatte. Zu ihrem Erstaunen blieb das Knochengerüst aber ruhig stehen. 

Nun schaute Becca hinter den Spiegel. Nein, da stand nichts. Auch hinter ihr, dem Spiegel gegenüber, war kein Skelett. Es war nur im Spiegel. Na, dann … dann konnte es ihr ja vielleicht auch gar nichts tun, oder? 

Vielleicht war das ja auch einfach nur eine optische Täuschung, so etwas wie ein frühes 3D-Bild, und der Spiegel gar kein Spiegel? Doch dann bewegte das Skelett sich. Es winkte Becca zu und dann bewegte sich der Kiefer. 

“Willst du gar nicht weglaufen?”, fragte das Skelett. “Alle anderen sind immer weggelaufen.” 

“Sollte ich das denn? Ich meine, kannst du mir denn etwas tun?” 

Traurig schüttelte das Skelett den Kopf. “Ich kann nicht einmal hier raus.” Und es klopfte von innen an die Scheibe. “Ich bin dazu verdammt, hier drin gefangen zu sein, bis jemand mich erlöst.” 

Gegen ihren Willen musste Becca lächeln, erleichtert. Es gab also wirklich keinen Grund, Angst zu haben. Wenn man von den knarzenden Dielen, der dünnen, steilen Leiter und der Dunkelheit hier oben absah, zumindest. “Wie genau musst du denn erlöst werden?” 

“Nun, mir …. mir fehlt ein Knochen.” 

Becca starrte das Skelett an. “Bitte was?” 

“Naja, ich bin eigentlich ganz normal hier oben gestorben. Für eine alte Frau ist der Weg die Leiter hoch eben nicht mehr ganz einfach und als ich hier oben war, war meine Brust plötzlich wie mit einem stählernen Gurt umspannt. Ich konnte nicht mehr wirklich atmen und dann … Dann wachte ich auf und war hier drin. Ich blickte auf mein Skelett hinab, dass vor diesem Spiegel lag und sah, wie ein Marder einen der Knochen stahl. Seit diesem Tag bin ich aus dem Reich der Toten verstoßen und warte darauf, wieder vollständig zu sein …” 

Wie viele Jahre mochte das wohl schon her sein. Immerhin gab es hier kein Skelett mehr. Hoffte Becca zumindest. Aber nein, der letzte Besitzer des Hauses war ein Mann gewesen, der hier schon jahrelang alleine gelebt hatte. Dann war sicher auch der Marder schon tot. Und wer konnte schon wissen, wohin er den Knochen verschleppt hatte. Wie groß war denn das Revier von so einem Vieh? Aber sie konnte doch die arme, alte Frau nicht ohne Erlösung lassen. Wenn ihr nur etwas einfiele. 

Becca seufzte leise. “Ich … glaub ehrlich gesagt nicht, dass ich da groß helfen kann.” Es sei denn … Ihr Blick fiel auf etwas hinter dem Spiegel und sie ließ den Strahl ihrer Lampe in dieselbe Richtung gleiten. Ja, vielleicht konnte das gehen. “Welcher Knochen fehlt denn und wie groß ist der?” 

Das Skelett hob die Hand und erst jetzt fiel Becca auf, dass am kleinen Finger das letzte Fingerglied fehlte. Ja, das konnte funktionieren. 

Sie ging zu dem Rattenskelett, dass sie in einer Ecke hinter dem Spiegel entdeckt hatte. Oder war es eine Maus? So genau konnte sie das nicht erkennen. Es kostete sie Überwindung, aber schließlich hielt sie einen Knochen nach dem anderen an ihre eigene Hand. Ja, dieser hier, der konnte vielleicht gehen. 

“Ich glaube, ich habe Ihren Knochen gefunden”, log Becca und hielt den Rattenknochen hoch. Vielleicht konnte sie der alten Dame ja weismachen, dass das ihr Knochen war. Und wenn sie davon überzeugt war, reichte das vielleicht auch dem Jenseits? “Was soll ich jetzt damit machen?” 

“Reich ihn mir durch das Glas.” 

Becca blinzelte einen Moment verwirrt. Aber sie hatte jetzt schon ein sprechendes Skelett getroffen. Wenn das möglich war, warum sollte dann ein Knochen kein One-Way-Ticket durch einen eigentlich massiven Spiegel buchen können? Also schob sie ihn vorsichtig an die Scheibe des Spiegels heran und dann hindurch, bis ihre Fingerspitzen auf kaltes, unnachgiebiges Glas trafen. 

Der Rattenknochen schwebte wie von selbst zum Finger des Skeletts und setzte sich daran fest. Er passte wie angegossen. Konnte es sein, dass der gar nicht zur Ratte gehört hatte und nur durch Zufall genau da gelegen hatte, wo die Ratte gestorben war? Nein, das war doch zu seltsam. Oder?  

Doch bevor Becca sich noch groß Gedanken darüber machen konnte, sah sie ein helles Licht und das Skelett war weg. Und dann sah sie sich selbst im Spiegel – und hinter ihr ihre Mutter, die den Baustrahler zur Seite stellte. Sie konnte ihr Kreischen gerade noch zu einem erstickten Kieksen abwandeln. 

“Und? Hast du etwas gefunden? Vielleicht Geiiiister?”, fragte ihre Mutter und grinste sie an. 

Becca schaute sie verwirrt an. Konnte ihre Mutter denn vom Tod der alten Frau hier oben wissen? 

“Na, nun schau mich doch nicht so an. Lass mir doch auch meinen Spaß. Immerhin ist heute Halloween. Du weißt schon, die Nacht, in der die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten durchlässig wird. Und … wäre es nicht spannend, wenn ausgerechnet wir einen der Toten treffen würden? Was die wohl alles zu erzählen haben?” Damit machte sich ihre Mutter daran, den Dachboden nach Schätzen zu durchsuchen und ließ Becca ein wenig verdattert zurück. Dann lächelte das Mädchen. Wenn ihre Mutter nur wüsste …  

 

 

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