Arbeitstitel: Biest (NaNoWriMo-Projekt)

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Plotzusammenfassung:

Leas erste Erinnerung war, dass sich irgendetwas in ihr änderte. Seit dem hatte sie immer wieder das Gefühl, ihr würde nur ein kleiner Schritt fehlen, dann könnte sie sich als Vogel in die Lüfte schwingen oder auf vier schnellen Pfoten nach hause eilen.
Als ihr zum ersten Mal das Herz gebrochen wird und sie über den Jungen herfällt und ihn beinahe in Stücke zerreißt, wird ihr klar, dass das nicht nur ihre Fantasie war. Von nun an geht sie auf ein Internat für Leute wie sie. Doch warum wurde ihren Eltern verschwiegen, was sie ist? Und wohin verschwinden die Schüler, die ihren Abschluss gemacht haben?

 

Erste Leseprobe (Kapitel 1):

Die ganze 7a war auf Klassenfahrt, schlief in Blockhütten und briet ihr Abendessen auf dem Lagerfeuer. Irgendetwas hatte Feuer und die damit einhergehende Romantik an sich, denn hatten vor ein paar Wochen noch alle Jungen die Mädchen für eklige Schleimmonster von einem fremden Planeten gehalten, so bildeten sich gerade überall um Lea die ersten Paare.

Tim, das Sport-Ass und Oberzicke Sabrina wurden sogar schon beim ersten Kuss beobachtet, während die anderen sich mit Händchenhalten zufrieden gaben.

Auch Lea selbst warf einem Jungen über die Funken des Feuers hinweg Blicke zu. Sven. Etwas kleiner als sie, fast schon eine Hautfarbe wie Sahnebonbons und grüne Augen, die dadurch nur noch mehr herausstachen. Eigentlich war er ja gar nicht so hübsch, nicht klassisch jedenfalls. Sven hatte eine Hakennase und sogar einen Leberfleck an der Oberlippe, der wie eine Hexenwarze wirkte. Aber er hatte Humor. Nicht diesen Albernen, den die Klassenclowns an den Tag legten. Nein, Sven wirkte sogar intelligent. Dass ein Junge nicht nur nicht “pfuibäh” war, sondern richtig clever, dass hätte Lea bis vor kurzem noch nicht geglaubt. Doch jetzt? In ihrem Bauch kribbelte es so sehr, dass ihr richtig schlecht wurde, wenn er sie anschaute.

Am letzten Abend hatten sie wieder alle ums Feuer gesessen. Herr Schultz, der Biolehrer, hatte seine Gitarre ausgepackt und sang nun mehr schlecht als recht kitschige Lieder aus den 80ern, die keiner außer ihm kannte. Naja, vielleicht auch Religionslehrerin Heierlein, die angeblich seit kurzem geschieden war und Schultz nun anschaute, als wäre er eine Tafel Schokolade.

So bemerkten die beiden auch gar nicht, dass eine Flasche umher gereicht wurde. Marvin, der schon zweimal sitzen geblieben war, hatte sie mitgebracht und hielt in seinem Rucksack noch weiteren Vorrat versteckt.

Lea bemerkte zwar, dass die Jungen und auch einige der Mädchen plötzlich alberner und lauter wurden, aber sie war noch immer die Träumerin, die Außenseiterin. So saß sie nur mit einem Buch am Feuer, schwitzte im Gesicht und fror am Rücken, bemerkte aber sonst nicht wirklich etwas, was um sie herum vorging. Mittlerweile war sie talentiert darin, andere Menschen auszublenden.

Zumindest funktionierte es so lange, bis sie das unangenehme Gefühl hatte, dass jemand sie anstarren würde. Wie sollte man dabei denn in Ruhe lesen können? Lea blickte auf und schaute direkt in Svens grüne Augen. Einen Moment lang blinzelte sie verwirrt, doch auch danach stand er immer noch neben ihr und blickte sie an. Ihr Hirn ratterte, um eine rationale Erklärung zu finden. Immerhin würde Sven doch nie mit ihr sprechen wollen, oder? Aber warum stand er dann da vor ihr?

“Hi”, grüßte Lea und kam sich dabei unglaublich dämlich vor.

“Äh, ja, hi.” Sven schaute sie schief an. Oh nein, er hatte sicher etwas redegewandteres erwartet und nun hatte sie sich blamiert. Ein Wort und schon hatte sie ihre eine Chance bei ihm verspielt.

Erst jetzt bemerkte Lea, dass sie alleine am Feuer waren. Ihr Blick wanderte zu ihrer Armbanduhr, aber es war noch nicht spät genug, dass alle im Bett sein könnten. “Wo sind denn die anderen?”

“David kotzt sich da hinter den Büschen die Seele aus dem Leib, Marvin hat seine Whiskeyflasche in den Wald geworfen, als sie leer war, und muss sie jetzt suchen. Und die anderen, die mitgetrunken haben, helfen dabei, während Schultz überwacht und Heierlein zitternd hinter dem Klohäuschen eine nach der anderen quarzt. Dabei hat sie behauptet, sie würde die Eltern anrufen.”

“Wow.” Wieder blinzelte Lea einige Male und versuchte die Informationen zu verarbeiten. “Ich hab wirklich was verpasst.”

Sven nickte mit einem schelmischen Grinsen.

“Und du hast nichts getrunken?”, fragte Lea nun. Das konnte sie sich eigentlich kaum vorstellen.

“Oh, doch. Ich geh auch gleich zurück und helfe. Aber zuerst würde ich dich gern etwas fragen.” Jetzt wurden seine Gesichtszüge weich und er lächelte sie an. “Würdest du eigentlich … vielleicht gerne einmal mit mir ausgehen?”

Sag jetzt nur nichts Falsches, wies Lea sich an und schluckte. Versuch, intelligent zu klingen. Dann schlug sie sich kichernd die Hand vor den Mund und nickte wild. Ja, sehr intelligent. Ungefähr so klug wie ein zu lange getoastetes Brot.

Doch anstatt, dass Sven sich nun zu ihr setzte und ihre Hand nahm, sie vielleicht sogar küsste, verzog sich sein Gesicht zu einer hämischen Grimasse.

“Ich aber nicht mit dir”, sagte er mit zuckersüßer Stimme und lachte dann laut los. Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, ging er zum nächsten Gebüsch, aus dem zwei andere lachende Jungen hervortraten und Sven etwas in die Hand drückten, was verdächtig nach Geldscheinen aussah.

Lea konnte es nicht fassen. War ihr Leben nicht schon bisher demütigend genug gewesen? Die Tränen stiegen ihr in die Augen, aber in ihrem Magen kochte heiße Wut, die die Trauer und Scham überwog.

Langsam und mit gefletschten Zähnen ging sie auf die drei Jungen zu und setzte eine Pfote … Moment, was? Seit wann hatte sie Pfoten? Aber noch bevor Lea sich weiter damit beschäftigen konnte, schrien die Jungen auf, rannten weg und der Jagdinstinkt überkam sie.